Foto Skizzen, Kommentare, Überlegungen von Assoc. Prof. Dr. Andreas Becker, Tōkyō. Über diese Seite
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2024.02.11

Über das Misstrauen in mündlichen Prüfungen

In mündlichen Prüfungen erzeugen die Prüferinnen und Prüfer oft eine Atmosphäre des Misstrauens. Sie bekunden gestisch, physiognomisch und in ihren Fragen, dass der Prüfling sie zu überzeugen habe. Das kann spielerisch geschehen, wird aber in Bewerbungsgesprächen auch ganz konkret eingesetzt. Implizit wird so zu verstehen gegeben, dass es nicht der eigentlich Stoff, die Qualifikation ist, die zählt, sondern eine Charaktereigenschaft. Die nämlich, eine Übermacht zu überzeugen, dass man eine bestimmte Fähigkeit habe.

2024.02.10

Neuer Song

Neuer Song, Funky Room

Zur Differenz von Sprechen und Denken

Zwischen Denken und Sprechen besteht eine Differenz, mitunter eine Diskrepanz.
Die einfachste Möglichkeit besteht darin, dass wir alles, was wir denken, sprachlich entäußern, also artikulieren. Es ist schwierig zu sagen, worin diese Artikulation besteht und wie sehr sie sich vom Gedachten unterscheidet. Aber sie ist idealiter der Gedanke in grammatischer Form.
Dann können wir während des Denkens, etwa um nicht in Konflikte zu geraten, nur Teile des Gedachten aussprechen. Wir halten dann bestimmte Themenbereiche, Wörter, Stile etc. bewusst zurück. Es wird sich andeutend in unseren Mikrogesten, in der Physiognomie, dem Tonfall der Stimme, vielleicht zeigen, dass wir etwas verbergen. Aber gewöhnlich merken wir dann an der Haltung des Anderen, ob das Verbergen erfolgreich war. Zudem weiß der Andere nicht und vermutet es auch nicht, dass wir etwas verbergen, wir selektieren ja nur.
Schwierig wird es dann, wenn das Denken in Diskrepanz zum Sprechen gerät, wenn wir also etwas Anderes aussprechen, als wir fühlen, meinen, denken. Dann können leicht Fehler entstehen, Interferenzen, die Gestik wirkt unglaubwürdig, wir versprechen uns mitunter. All diese Momente verkomplizieren sich dann, wenn mehrere Menschen miteinander sprechen. Alle verbergen etwas anderes und teilen ihren Denkraum nur partiell. Dieses Spiel von Entäußerung und Verdeckung, diese Camouflage des Sprechens ist sehr interessant. Wir können nur erahnen, was es war, was nicht gesagt wurde. Jahre später erst zeigt es sich. Das Ungesprochene und Zurückgehaltene manifestiert sich, es schreibt sich in den Alltag ein. Möglich ist auch, dass wir schweigen und nichts sagen. Dann entstehen zwar keine Konflikte. Aber unsere Wünsche finden auch keine Realisierungsform.

Dokumentation einer Reise durchs Hinterland

Photodokumentation zweier Spaziergänge, Sonnenaufgang


Eisenbahnfahrt im Zeitraffer durchs Hinterland

2024.02.06

Überlegungen zum Staat

Schon die Tatsache, dass Menschen streiken, um etwa Lohnforderungen durchzusetzen, zeigt, dass es ein antagonistisches Verhältnis gegenüber dem Staat gibt. Der Staat wird nicht mehr als Repräsentant des Willens der Menschen aufgefasst, als deren institutionelle Verkörperung, sondern er wird zu ihrem Gegenspieler. Durch massenhafte physische Präsenz wird diesem Meta-Wesen Staat gezeigt, dass er sich falsch verhalten hat. Damit ist viel gesagt, auch über die Dysfunktionalität des Staates. Woran liegt es? Es gab Wahlen, Diskussionen. Wie konnte es soweit kommen? Der Staat glaubt, er müsse sich an etwas anpassen, anstatt die Menschen zu schützen. Der Staat handelt durch Gesetze. Warum handelt er so? Wenn die Ökonomie solche Härten fordert, sollte doch der Staat sie mildern können, wie das der Wohlfahrtsstaat in den 1980er Jahren machte, stattdessen forciert der heutige Staat diese Trends. Wir haben es mit einem marktkonformen Verbotsstaat zu tun. Marktkonform heißt, dass er sich nicht mehr zwischen Kapitalismus und Mensch stellt, das Verhältnis abmildert, sondern dass er die Regeln des Kapitals auf die Menschen einschreibt und das mit aller Härte vertritt. Dass er selbst in seiner staatlichen Handlung in sich nochmal ökonomisch sein will, zum Beispiel bei der Bahn. Dabei geht es hier doch gar nicht um Gewinne, es geht darum, dass Menschen von Ort A nach Ort B kommen, günstig, zuverlässig und planbar, vielleicht noch komfortabel, auch von Dörfern zu Städten und von den Dörfern zu den Dörfern. Diese Planbarkeit über lange Zeiträume hin ist sehr wichtig. Wenn Menschen Häuser bauen, so denken sie etwa auch daran, dass ein Bahnhof in der Nähe ist. Wird dieser immer wieder anders frequentiert, mal angefahren, mal nicht, dann kaufen die Menschen ein Auto und benutzen die Bahn nicht mehr. Sie sind enttäuscht vom Staat. Menschen wollen zudem lieber preisgünstigere Züge als schnelle. Was nützt ein ICE, der 250 Kilometer pro Stunde fährt und unpünktlich ist, eine, gar zwei Stunden Verspätung hat? Nichts. Er verbraucht nur Unmengen an Energie und stellt die Geduld der Menschen auf die Probe. Es wird ein Riesenaufwand getrieben, völlig an den Menschen vorbei. Lassen wir doch Regionalzüge durch Deutschland und Europa fahren, Nachtzüge, die pünktlich sind. Bei denen noch ein Wagen zusätzlich angehängt wird, falls mal eine große Gruppe unerwartet mitfährt. Züge, die wenig kosten oder die zumindest einen Kollektivrabatt bieten. Wenn mehrere Menschen gemeinsam fahren, zahlen sie weniger. Das ist doch der Vorteil der Bahn gegenüber dem Auto, sie ist ein kollektives Verkehrsmittel! Eine Pseudo-Marktlogik diffundiert stattdessen in sämtliche Institutionen, in das Gesundheitswesen, die Universitäten und Schulen, überall hinein. Es werden Kontrollsysteme aufgebaut, die die Effizienz, Leistung und Güte messen sollen, die jedoch den Rest an Vertrauen zwischen den Menschen korrumpieren, weil sie dies anonymisiert tun. Es ginge eigentlich um eine Grundversorgung der Menschen mit Mobilität, Gesundheit und Bildung, die eben einen bestimmten Betrag kostet. Diese Schieflage, dass der Staat sich nicht mehr auf seine Grundfunktionen besinnt, als Repräsentant der Menschen, und so tut, als müsse er vorauseilend die Regeln des Marktes oktroyieren. Seine von Angst geprägte Erzählung ist, dass nur dann der Wohlstand bewahrt werden könne, wenn sich alle marktkonform und in Konkurrenz zueinander stehend verhalten. Als ob der Staat ein ökonomischer Betrieb sei.
Unternehmen und Gewinn
Und auch bei einem Unternehmen geht es doch gar nicht nur um den Gewinn. Wenn ich ein Produkt kaufe, ist doch der Preis gar nicht so wichtig. Es geht doch um die Qualität der Ware, bei Lebensmitteln um den Geschmack und die Güte der Zutaten, bei der Technik um deren Funktionsfähigkeit, Zuverlässigkeit und das Design etc. Wenn die Ware eine schlechte Qualität hat, sei sie noch so günstig, dann kauft sie doch keiner mehr! Es ist dies doch genau der Erfolg der japanischen Produkte, dass sie zuverlässig sind. Wenn ich eine japanische Kamera kaufe, dann weiß ich, dass sie nicht kaputt geht und Bilder zuverlässig in guter Qualität aufzeichnet. Ramsch kann man natürlich günstig verkaufen, überall. Aber darum geht es nicht. Es geht um kontinuierliche Kundenbindung, die Jahrzehnte währt, um Vertrauen und Qualität.
Man handelt gar nicht mehr politisch, entpolitisiert die Politik, bietet keine Anreize mehr, initiiert keine Foren, Institutionen, wo sich die Menschen vernetzen können, man hat jede Gestaltungsphantasie aufgegeben. Jedes positive Projekt ist ständig bedroht vom Subventionsabzug und "Einsparzwängen". Gesellschaftliche Projekte, freie Radios, Galerien und Gruppen bangen jedes Jahr um die Fortsetzung der Förderung, um die geringen Mittel, die sie erhalten. Der Staat handelt immer mehr indirekt, indem er diese marktkonformen Regeln appliziert, selbst in seine eigenen Institutionen hineinträgt, Konkurrenz schürt und Stellen befristet. Und er verbietet.
Das Verbot als Ersatinstrument der Politk
Er handelt also gar nicht mehr aktiv, sondern nur noch über seine Gesetze. Wenn den Politikerinnen und Politikern etwas nicht behagt, wird es verboten. Das ist dadurch aber nicht aus der Welt geschafft, das Motiv besteht weiterhin, so entschlossen das Verbot in der Regel auch im Bundestag verkündet wird. Man nehme das Beispiel Drogenhandel. Drogen sind verboten, aber illegal kann man sie doch kaufen. Sie verschwinden nicht durch das Verbot, weil das Motiv, Drogen zu konsumieren vom Verbot überhaupt nicht tangiert wird. Dann werden die Strafen erhöht, aber nichts wird dadurch besser. Die Menschen, die Drogen konsumieren, wollen offenbar der Welt entfliehen, auch wenn der 'Preis' durch Strafen noch so erhöht wird. Ich kann nur das Mittel verbieten, aber nicht das Motiv. Die Politik sollte sich lieber fragen, warum die Menschen aus der Welt entfliehen wollen. Das wird aber nicht mehr gemacht. Diese Verbotsgesetze sind dazu immer sehr grob und differenzieren nicht, warum der Einzelne Drogen nimmt. Kommt etwa jemand ins Gefängnis, entstehen der Gesellschaft hohe Kosten und die Zukunft des Inhaftierten wird zerstört. So entsteht Gewalt. Das Geld sollte man besser anlegen und schon beim Motiv ansetzen. Vielleicht war der Mensch krank, hat Schmerztabletten genommen und die halfen nicht mehr, dann konsumierte er Drogen. Die Einzelfälle sind stets sehr vielschichtig und nur durch Differenzierung lassen sie sich verstehen. So aber überlässt man dies dem Justizsystem, das nur durch Strafen reagieren kann und die Gewalt der Justizb und welches dann im Strafmaß und in der Urteilsbegründung differenziert. Das kann aber doch keine Lösung sein und ist letztlich eine Verlagerung des Politischen in die Judikative. Die Politik hat ihre Arbeit nicht gemacht und ihren Gestaltungsrahmen nicht genutzt. Man könnte auch ganz einfache Ideen realisieren, etwa eine Staatsspende. Wer reich ist und glaubt, er zahle zu wenig Steuern, der könnte dem Staat freiwillig Geld spenden. Er könnte vielleicht noch ein Ressort angeben und bekäme noch eine Ehrung ab einem bestimmten Betrag, hat aber durch die Zahlung keinen Einfluss auf die Politik.
Der Gestus der Politikerinnen und Politiker
Die Politikerinnen und Politiker glauben heute, sie müssten in ihrem Gestus repräsentativ sein. In ihrem parlamentarischen Verhalten sind sie gar nicht mehr repräsentativ, sondern von der Bevölkerung enthoben, viele gehen gar nicht mehr zur Wahl. Aber wenn sie mit den Menschen sprechen, sind sie staatstragend, in ihrer Kleidung, ihrem Tonfall, ihren Gesten, dann legen sie eine Staatspersona an. Sie besuchen die Menschen offiziell, mit Pressevertretern und wollen dabei gefilmt werden. Man möchte sagen: Geht doch einfach zu den Menschen hin, spontan, sprecht mit ihnen, ohne einen Tross von Journalisten! Fragt mal: Was können wir für Euch tun? Hört den Arbeitslosen, den Arbeitern und Angestellten einmal zu! Stattdessen werden die Top-Manager eingeladen und es wird nicht mehr darauf gehört, was die Menschen wollen. Was ist das für eine Haltung? Dass die Politiker gar nichts mehr von den Unternehmen einfordern, sondern nur deren Wünsche erfüllen und "Rahmenbedingungen" optimieren? Wie viele Milliarden werden der Chipindustrie geschenkt, damit sie sich in Deutschland ansiedelt? Man sieht gar nicht mehr die Bedingungen und hat kein Selbstvertrauen mehr. Man kann doch in einem Industrieland wie Deutschland einen eigenen Mikrochip entwickeln und herstellen! Warum soll das nicht gehen? Es gibt doch Tugenden, Kooperation, Zuverlässigkeit, Erfindergeist, Grundlagenforschung, Differenzierungsvermögen, Assoziation. Die verschwinden doch nicht. Die braucht man doch heute bei diesen modernen Techniken, bei deren Produktion es um einen Verbund von Fähigkeiten geht, die zusammenwirken müssen, damit ein Produkt entsteht. Man kann das doch nicht einkaufen. Man kann doch in Deutschland und in Europa auch so etwas produzieren. Wir haben diese Tugenden doch! Vielleicht konkurriert man zunächst nicht mit den Top-Unternehmen, baut wieder einen eigenen Taschenrechner etc., dessen Chip dann aber doch etwas besser ist als die anderen, sei es auch nur, dass er umweltfreundlicher, günstiger ist. Das hat man aber völlig aufgegeben. Man glaubt, man könne sich in den Erfolg, passiv, einkaufen!
Der dysfunktionale Staat
Die Dysfunktionalität des Staates bekommen die Bürgerinnen und Bürger täglich zu spüren. Die Strafen werden merkwürdigerweise ganz korrekt und schnell vollzogen, die Rechnungen, oftmals falsch, mit drohender Mahnfrist versandt, aber die Leistungen erhalten wir nicht mehr. Die Fehler in der Bürokratie führen zu unberechtigten Zahlungsaufforderungen, deren Abarbeitung dann einen riesigen Aufwand bedeutet, Nerven kostet, wiederum Gerichte beschäftigt, nur weil der Staat nicht gründlich arbeitete.
Dann protestieren die Bürger sie und es entsteht Gewalt, die vom Staat mit Gegengewalt beantwortet wird. Nicht allein deshalb, weil der Staat es nicht versteht oder wegen des Machterhalts, sondern einfach wegen der Trägheit der Institutionen. Sie sind so große Gebilde, dass sie gar nicht flexibel auf die Änderung der äußeren Bedingungen reagieren können. Und oft genug reagieren sie dort flexibel und verändern sich binnen von Wochen, wo sie es gar nicht müssten, man denke an die Umbenennung von Arbeitsamt zu Arbeitsagentur.
Differenzierungsoffensive
Man bräuchte eine Differenzierungsoffensiven, die von der Bevölkerung ausgehen und in die Politik hinein streben müsste. Differenzierung heute heißt aber, dass man diese entgegen der Anfeindungen und - was manchmal genauso wirkt - der Nichtbeachtung, ohne Anerkennung und ohne Förderung seine Meinung vertreten muss. Obwohl andere einem zu verstehen geben, dass man keine Chance hat mit dieser ‚Einstellung‘. Es muss eine beharrliche Differenzierungseinforderung geben, die gepaart ist mit einem Eigensinn und innerer Ruhe. Und diese Differenzierungseinforderung muss von einem Konsens getragen sein. Hier dürfen sich die gesellschaftlichen Gruppen nicht gegeneinander ausspielen lassen. Man sollte sich doch darauf einigen können, dass man ein paar Euro zahlen und verdienen kann, ohne Steuern zu zahlen. Das lohnt doch den Aufwand nicht, die Cents steuerlich einzufordern! Da verschlingt der Apparat von Verwaltungsbeamten mehr, als er einnimmt. Das wäre ein kleines Beispiel, wie man Vertrauen zurückgewinnen könnte. Wenn man sich die Reden im Bundestag anhört, dann bestehen diese aus Polemiken, Simplifizierungen, sie benutzen Freund-Feind-Schemata. Hier muss man den Politikerinnen und Politikern sagen: Das braucht ihr nicht. Wir sind nicht dumm. Ihr müsst nicht so reden wie für Dumme. Wir verstehen Euch und den Sachverhalt recht gut, legt aber bitte alle Argumente und Bedingungen auf den Tisch. Sagt, was ihr wisst und wollt. Entscheidet so, dass es für die Menschen ist! Redet Klartext, sagt, wie es Euch geht, wie ihr euch fühlt! Trennt nicht euer Menschsein und euer Fühlen von euerer Person! Nehmt das mal als Maßstab für eure Politik. Und da würde ich sagen, dass da schon eine gewisse Ehrlichkeit hineinkommt, ohne dass man groß überlegen muss. Der eine Politiker tut, als ob er immer sparsam sei und fordert dies von den Menschen ein, und besitzt in Wirklichkeit eine große Villa auf Kredit und lebt auf großem Fuß. Das passt nicht. Er ist also privat selbst überhaupt nicht sparsam, nimmt Kredite auf und fordert im Bundestag die Schuldenbremse ein. Da entstehen öffentliche Maskeraden mit Phrasen und theatralen Einlagen, krümmsten Argumenten und Verkürzungen, Verklausulierungen. Und wenn man diese Ehrlichkeit anlegen würde an sich selbst, würde das alles verschwinden. Dann könnte man diese betrügerischen Argumente und Tricks nicht mehr benutzen.
Der Wiederaufbau Deutschlands
Wie haben unsere Großeltern, die Kinder waren, als die Nazis an die Macht kamen, und dann alles wieder aufbauen mussten, wie haben die das geschafft? Wie haben die den Wohlfahrtsstaat der 1980er Jahre aufgebaut? Das waren doch die Tugenden! Sie haben sich gesagt: Wenn wir feiern, dann treffen wir uns einfach, vielleicht in einer Hütte und machen ein Würstchenbraten. Das war sehr einfach, man hat die Gerichte für eine Mark verkauft, selbst hergestellt und mitgebracht. Man war genügsam und hat erstmal für den sozialen Halt und Zusammenhalt gesorgt. Wichtig war nicht das Prestige, sondern die einfache Zusammenkunft, die Betonung der Gemeinsamkeit, die Freude, das Fest. Es gab auch die sozialen Unterschiede, aber die hat man auch im Gemeinwesen überwunden. Heute werden Feste überorganisiert und durch Gesetzesregeln derart durchdrungen, dass ein einfaches Fest gar nicht mehr organisiert werden kann, sondern dessen Organisation in Auftrag gegeben wird. Man sieht sich sofort einem Staat gegenübergestellt, der Gesundheitszertifikate verlangt, Steuern einnehmen will, Sicherheitsvorschriften erlassen hat etc. Bei diesen Peanuts! Man braucht doch diese Regulierung nicht, auch bei Nachbarschaftshilfen, für die man vielleicht ein paar Euro bekommt. Der eine will dem anderen helfen und bekommt dafür etwas Geld und wird dadurch kriminalisiert, wenn er sich nicht in einen bürokratischen Abrechnungsprozess hinein begibt. Diese einfachen Sachen müssen wieder möglich sein. Nur so kann ein Gemeinwesen wieder entstehen. Wenn Gruppen mal Musik spielen, Filme zeigen, wieso soll man da die gleichen Regeln erfüllen wie die großen Radiostationen und Kinos? Genauso die Wissenschaftsförderung, die völlig irrational in gigantische Projekte fließt, deren Begutachtung den Wissenschaftsbetrieb übrigens selbst blockiert. Stattdessen sollte man planbare, für Jahrzehnte planbare Förderung schaffen. Man kann, wenn man Menschen Lebenssicherheit gibt, sehr viel machen. Sie sind dann motiviert, haben Selbstvertrauen, Interesse am Sozialen, sie engagieren sich. Vieles ist einfach. Die Menschen kommen von überall her, wenn es diese Atmosphäre gibt. Wir brauchen nicht viel, ein Buch, ein Blatt Papier, Menschen, die miteinander sprechen und diskutieren, die einander vertrauen. Was kann man damit alles machen! Das Problem ist auch, dass wir alle Debatten, die in den 1970er und 1980er Jahren geführt wurden, längst vergessen haben. Wir müssen uns etwas angeignen, was schon da war.
Kriege und Konflikte
Wenn wir heute zahlreiche Kriege erleben, so muss man sagen, dass kein einzelner Mensch dem anderen feindlich gegenüber steht. Es sind nur die Staaten, die Kriege initiieren, also abstrakte Gebilde, Bürokratien. Sie sind in solch ein Missverhältnis dem Menschen gegenüber geraten, dass Kriege entstehen, die keiner will. Da müssten alle Seiten Frieden einfordern, weil der Staat etwas macht, was niemand will. Wenn einzelne Angriffe fahren auf Schiffe etc., dann sollte man sich nicht davon provozieren lassen. Das hat immer eine Vorgeschichte, die müsste man analysieren. Wenn der Staat einen Krieg führt, so ist das ein falscher Staat. Wir wollen keinen Staat, der Kriege führt. Das müsste man kommunizieren. Aber in der heutigen Welt ist weit und breit keine Lichtfigur zu sehen. Es gab immer einen Nelson Mandela, Martin Luther King, John F. Kennedy, einen Willy Brandt, irgendwen gab es immer. Aber so jemand ist weit und breit nicht zu sehen. Da sind nur Schattenfiguren, die austauschbar sind, da ist keine Persönlichkeit dabei, keiner, der ein positives Projekt hat. Da sind so Leute wie Trump, die alles nur negativ sehen und verdammen, letztendlich eine verklausulierte Aggression vertreten, aber es gibt keinen, der ein positives Projekt hat und Menschen hinter sich versammelt mit einer Gegenposition oder einem Gegengewicht. Das ist weder weltweit noch bundesweit noch irgendwo zu sehen. Kein Schauspieler, niemand. Früher gab es Rainer Werner Faßbinder, Charlie Chaplin, Henry Fonda oder Gregory Peck, Menschen, von denen man sagte, dass sie etwas haben. Aber solche Menschen gibt es nicht mehr. Es gibt nur noch geschäftstüchtige, aalglatte Typen, die dem ästhetischen Schick, dem Prestige gehorchen, dem, was verlangt wird, wie man sich zu kleiden hat, wie man reden soll, und die da sehr geschickt sind und den ganz verrückten Ansprüchen völlig entsprechen. Aber da kommt nichts mehr dabei heraus, kein Inhalt, keine Position, keine Weltsicht, Kritik, irgendetwas. Es muss doch solche Menschen geben! Warum trauen die sich nicht in die Öffentlichkeit? Sie müssen noch nichteinmal etwas machen. Sie müssten das nur auf ihre Weise artikulieren. Aber nichts dergleichen ist der Fall, alles eine draculahafte, düstere Welt. Es gab auch in den letzten zwei Jahrzehnten kein einziges positives politisches Projekt, keine Perspektive, keine Idee, keinen Plan. Das wäre das Erste, was man eingestehen müsste, dass das nicht vorhanden ist. Dass der Staat weder die Menschen repräsentiert noch irgendein Konzept hat, wie man in der heutigen Welt handeln soll. Man müsste alles nochmal neu aufbauen, Stück für Stück. Und eben einsehen, dass der Weg, den man derzeit geht, der falsche ist. Im Grunde würde ich sagen, sollten die Politiker lieber nichts tun. Sie würden dann weniger Fehler machen. Die Berechenbarkeit wäre immerhin gegeben.

Mensch und Institution (erweiterte Fassung)

Was ist eine Institution?
Institutionen sind Meta-Wesen, Leviathane, sie repräsentieren und generieren einen abstrakten Willen, der sie einst stiftete. Eine bestimmte Funktion ist in ihnen verwirklicht und die Institution hat die Macht, allein dieses spezifische Moment zu generieren und zu realisieren. Dies ist abstrakt durch Statuten, Gesetze, Verordnungen etc. festgelegt. Institutionen verändern sich aber, sie führen ein Eigenleben und dynamisieren sich, entfernen sich mitunter sehr von ihrer ursprünglichen Funktion.
Institutionen haben ein anderes Zeitmaß als der Mensch, sie überdauern Individuen und politische Systeme und behaupten eine Unabhängigkeit. In unserer heutigen atomisierten Gesellschaft existieren Kollektive in der Regel nur in Institutionen, also abstrakt. Die Menschen selbst vermögen es nicht mehr, kollektive soziale Gebilde präsentisch durch Assoziation zu erzeugen. Damit geht eine Bürokratisierung des Sozialen einher.
Architektur und Macht
Treten Menschen mit Institutionen in Kontakt, so werden sie in der Regel Gebäude aufsuchen, nachdem sie im Internet nachschauten oder von diesen aus anderen Quellen erfuhren. Institutionen werden durch Architektur und durch architektonische Räume repräsentiert. Damit ist eine gewisse autoritäre Macht bereits gesetzt. Der geschichtliche kollektive Wille ist in die Bauten geronnen und symbolisch geworden. Man tritt als Individuum in das Gebäude ein und wird von der Institution und ihren diffusen Normen umfasst, sei dies eine Schule, eine Universität, eine Behörde, eine Partei, eine Firma oder ein Krankenhaus. Der Einzelne versucht sich zu orientieren und ist auf Pförtner, Hinweisschilder, auf vereinbarte Termine, Ansprechpartner etc. angewiesen. Man ist der Fremde und tritt an dieses anonyme Wesen, das sich in der Architektur vergegenständlicht hat, mit einem Gesuch heran. Von Beginn an ist damit ein Gefälle gegeben, dass man abgewiesen wird, man einer Form zu entsprechen hat, die man aber nur vage kennt. Man wird daher höflich sein, damit eigene Fehler verziehen werden, sich gegebenenfalls vorher informieren, was zu tun sei, Termine vorab vereinbaren etc.
Vertreter der Institution
Es wird auch unmittelbar, etwa am Habitus, an der Kleidung, an deren räumlicher Position deutlich, dass die Menschen, denen man dort begegnet, Vertreter der Institution sind, sie arbeiten in ihr. In ihnen und durch sie wird diese fungibel. Nur das gilt als Gesprächsthema und Umgangsform, was offiziell ist. Sie stellen ihr Leben in den Dienst der Institution, erhalten im Gegenzug dazu eine gewisse Lebenssicherheit und einen Lohn. Der Gestus des Alltags verschiebt sich, man ist mit der Architektur in eine bestimmte Geisteshaltung hineingestellt, ohne genau sagen zu können, worin diese besteht. Man versucht sie zu erkunden, zu erahnen, abstrakt zu bestimmen, aber das gelingt nur partiell. Es gibt also einen offiziellen Willen, an dem man partizipieren will, an dem man aber zunächst nur durch Passivität teilhaben kann, indem man sich den Normen fügt und diese vorwegnimmt. Die Macht der Institution liegt in ihrer Gunst dem Neuling gegenüber. Sie hat bestimmte Kriterien, die man nur vage kennt und von denen man hofft, dass sie einen in diese Gunst bringen. Man erhofft sich Vorteile dadurch, Sicherheit, Renommee, Zertifizierungen, Wissen, Zuwendungen. Oftmals bleibt einem nichts übrig. Man muss einen Typus einer bestimmten Institution, etwa der Schule, durchlaufen, kann aber die konkrete Institution wählen. Da es häufig nur wenige Alternativen gibt bzw. der Aufwand, eine zweite Institution anzurufen, beträchtlich ist, entstehen Machtgefälle und Abhängigkeiten. Man kann vielleicht Institution 1 ignorieren, ist aber dann auf Institution 2 angewiesen. Dazu weiß dann Institution 2 vielleicht, dass man Institution 1 ablehnte bzw. von dieser abgelehnt wurde.
Vertreter der Institution
Man wird zum Vertreter einer Institution, indem man sich bewirbt, von ihr aufgefordert wird und sich schließlich in die juristische Person vertraglich in einem Akt der Aufnahme (Vertragsunterzeichnung, Eid) eingliedert. Ist man Vertreter der Institution, repräsentiert man deren abstrakten Willen, muss also bereit sein, ihren Willen vorausahnen zu können. Von diesem Zeitpunkt an ist das Gefühlsleben in einen Privatmenschen und einen Institutionsmenschen gespalten. Selbst wenn Verwandte, Freunde etc. - und gerade sie - Anfragen haben, muss man die Vertrauensregeln transzendieren und diese wie Fremde behandeln. Man würde sonst in den Verdacht der Befangenheit oder Bestechung geraten, die Perspektive unauthorisiert verschieben. Diejenigen Menschen, die die Institution perfekt zu imitieren vermögen, sind sehr erfolgreich. Sie assoziieren sich mit jenen, die eine ebensolche Charaktermetamorphose nicht als befremdlich empfinden, sondern diese regelrecht feiern, also diese offizielle Seite zu ihrer Persönlichkeit machen. Ihr Ausgleich ist das, was andere suchen: materieller Wohlstand, Zugehörigkeit zu einer Elite, Prestige, Zuwendungen materieller Art, Zugang zu bestimmten gesellschaftlichen Foren.
Kommunikation
Kommunizieren Menschen mit Institutionen, so verkehrt sich die Kommunikation. Sie müssen deren diffusen Regeln der Ansprache einhalten, obwohl diese niemals explizit werden. Zu groß wäre die Gefahr der Nichtbeachtung. Irgendwann entwickelt man ein Gefühl dafür, kennt die verschobene Semantik, die Floskeln und Wendungen, die es zu beachten gilt.
Es gibt verschiedene Wege interner und externer Kommunikation, die jeweils eine andere Gefühlsdisposition erzeugen. Da ist natürlich zuerst die persönliche Vorsprache und Begegnung. Dies setzt voraus, dass sich beide Parteien Zeit nehmen. Man wird gewöhnlich nicht mit den Verantwortlichen selbst sprechen, sondern nur mit denen, die die Eingabe machen, also den Sekretärinnen und Sekretären. Ähnlich ist es auch innerhalb der Institution. Nur zu den Besprechungen der Entscheidungen, zu den Meetings, Sitzungen, werden die hierarchisch Höhergestellten erscheinen, und auch das nur, wenn sie es müssen. In dieser Zeitknappheit ist es schwierig, die Realisierung und ihren Stil zu erahnen. Werden dort aber Fehler begangen, erfolgt die Ahndung schnell, man hätte dies doch wissen können, heißt es dann. In allen Verhaltensstilen färbt sich die Hierarchie ab, so sehr diese auch pro Forma von den Oberen als unwichtig dargestellt werden mag, so gewöhnlich ihre Kleidung ist etc. Die Vorsicht der Kommunikation, bestimmte Diskursformen zeigen, wie die Machtverhältnisse sind, selbst wenn das die Oberen nicht wahrhaben wollen. Weil man nicht alles kontrollieren kann, zeigen sich hier die Diskrepanzen besonders deutlich, wirkt die neutral ausgestellte Haltung besonders angestrengt.
Daneben existieren mannigfache Formen der indirekten Kommunikation per Telefon, Zoom, E-Mail, Brief oder in Form von digitalen oder materiellen Dokumenten. Diese kennzeichnet eine Formalisierung der Entscheidungen, oftmals werden nur Unterschriften benötigt. In der E-Mail-Korrespondenz entstehen oft unterschiedliche Valenzen, man kann die Nachricht offen weiterleiten (CC), verdeckt (BCC), womit jeweils ein anderer Gestus gewählt wird. Auch die Antwortgeschwindigkeit, der Stil, so kurz die Mail sein mag, zeigt viel. Aber natürlich ist die Lesbarkeit im Hinblick auf die Gefühle wesentlich geringer als bei realer Präsenz. Dies soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass jede Nachricht eine manifeste Gefühlsentscheidung ist, die direkt Resonanzen beim Anderen erzeugt. Es entstehen Meinungsbilder, Entscheidungshinweisen, es zeigen sich Formen der sozialen Stellung, nur durch solche Nachrichten. Diese Möglichkeiten alle vorauszuahnen, überfordert jeden Menschen. Die Oberen tendieren daher dazu, die Nachrichten wichtiger einzustufen, die für sie selbst positive wie auch negative Konsequenzen zur Folge haben können. Manchmal aber ist dies sehr schwierig, es bedarf einer Ergänzung, Rückmeldung, ohne die man die Anfrage sehr schnell falsch interpretieren kann.
Wandel der Institutionen
Bis in die 1980er Jahre waren die Institutionen durch eine klare Definition ihrer Funktionen, Homogenität und Transparenz gekennzeichnet. Es galten innerhalb und außerhalb der Institution Regeln, man sprach etwa von einer ‚Laufbahn‘. Diese Gebilde waren nicht flexibel, aber vorhersehbar, gaben im Namen des Wohlfahrtsstaats Sicherheit und man wurde für Leistungen belohnt (meritokratisches Prinzip), der Tüchtigste wurde zumindest idealiter befördert. Es war klar umrissen und definiert, was die Institutionen können und was nicht, sie machten einander nicht Konkurrenz, sondern standen in Koexistenz zueinander, hatten einen bestimmten Ort, einen Topos. Seit Anfang der 1990er Jahre hat sich die Idee der Institution in Europa, vor allem in Deutschland, massiv verschoben. Tugenden wie Fleiß, Zuverlässigkeit, Leistung, Achtung und Taktgefühl (Adorno geht in Minima Moralia so wunderbar darauf ein) gelten nur mehr bedingt. An ihrer Stelle tritt eine Vielzahl von diffusen Regeln, die sich teilweise widersprechen. Weil die Stellen nur noch temporär ausgeschrieben werden, identifiziert sich niemand mehr mit der Institution oder ihrem Willen. Man wird auch nicht durch Leistung befördert, sondern dadurch, dass man die Institutionen gegeneinander ausspielt. Sobald sich der Erfolg in Institution 1 einstellt, bewirbt man sich bei der Konkurrenz und erhält ein besseres Angebot. Das führt zu einer Destruktion sämtlicher sozialer Kontakte und zu einer Verunsicherung auch innerhalb der Institutionen. Man erkennt dies etwa an der formalen Sprechweise, die alles durchzieht, an den Hotlines, die nur mit geringfügig geschultem Personal besetzt sind etc. Das Zwischenmenschliche, was man Menschen antut, wenn man sie aus der Institution entlässt, hat keinen Ort mehr. Jeder trägt sein eigenes Risiko, betreibt ‚Institutionshopping‘ so gut es geht und pokert bei der Einstellung. Überhaupt geht es nicht mehr um Autoritäten im Sinne von Menschen, die etwas verantworten, sondern eher darum, Souveränität gekonnt und überzeugend vorzutäuschen. Namedropping, Sprechweisen, lange Publikationslisten, berühmte Adressen und renommierte Institute etwa gelten in der Wissenschaft mehr als die eigentliche Forschung und deren Inhalt, die zu rezipieren die Zeit fehlt. Wichtig ist es, alles zu können bzw. bereit dazu zu sein, so zu tun, als könne man alles. Der Beweis, dass man die institutionelle Sprache versteht, ist heute, dass man alles vortäuschen kann, den richtigen Habitus am richtigen Ort zeigt. Das kritische Denken ist dabei ein Gestus unter vielen geworden. Es ist Usus, dass man es an irrelevanten Gegenständen wie ein Feuerwerk effektvoll aufführt. Aber oft gilt auch das nicht mehr. In Konsequenz haben die Menschen resigniert. Sie setzen sich nicht mehr selbstbewusst gegen die Institution, von der sie doch früher wussten, dass sie ihnen Sicherheit gibt. Sie machen jeden Unsinn mit, erfinden Formeln dafür und machen die Eingaben der Internet-Formulare als Betriebsame. Diese Betriebsamkeit vorzutäuschen und zu schauen, wo die neue Mode lauert, was gehört werden will, ist viel wichtiger geworden als der freie Geist, die kritische Intervention, das Verweigern, wenn man den Sinn nicht einsieht, das Durchdenken des Sinns. Es sind Opportunistenkollektive entstanden, die nur noch negativ zusammengehalten werden von der Angst, es könne sich einmal die Wahrheit zeigen.
Für die Vertreter der Institution ist die Aufmerksamkeit umso wichtiger geworden. Trends müssen erkannt oder gar vorgeahnt werden, Moden befolgt, Sprachspiele gekonnt weitergeführt werden. Ihr Ich ist in zu einer repräsentativen Persona geworden, die immer mehr mit dem Privatleben verschmilzt. Man kann sich nicht fernhalten von den Entscheidungen, die man pro forma immer noch verantwortet. Weil jeder weiß, dass das nur noch ein Verantwortungsspiel ist, wird die Kritik von denen, die die systemischen Fehler ausbaden müssen, die einfachen Leute, oft laut, direkt und oft gar gehässig vorgetragen, weil man mit Geduld nicht vorgedrungen ist. Aber auch durch solche emotionalen Polarisierungen wird sich nichts ändern. Die institutionellen Entscheidungen gleichen mächtigen Oberflächen, die kaum mehr zu steuern sind. Sie durchziehen alles mit Tendenzen, zwingen eine Unlogik auf. Wer sich dann gegen die Institution stellt, diese nicht mehr einfach nur zaghaft kritisiert, wird von dieser zunächst ausgeschlossen, dann aber mitunter bekämpft und mit rechtlichen Mitteln (diese negative Form der Aktivität funktioniert erstaunlich gut) bekämpft. Wo die positive Handlung fehlte, bricht sich also eine negative Spirale Bahn, die wiederum neuen Unmut erzeugt. Dennoch lässt sich diese Transformation der Institutionen nur wenig steuern. Sie besitzt eine Trägheit und lieber werden deren Repräsentanten durch noch gefälligere Vertreter ausgetauscht, als dass man ihre Strukturen in Frage stellt.
Die institutionelle Persona und die Gefühle
Wer sich in Institutionen bewegt, muss zunächst nur deren Vorgaben im alltäglichen Arbeitsvollzug erfüllen. Aber dies ist eine Leistung, weniger wegen der verrichteten Arbeit selbst, sondern mehr wegen der Überwindung der Gefühlsdiskrepanz. Man muss Entscheidungen verantworten, Arbeiten marionettenhaft verrichten, die man oft nicht mitträgt und, was noch schwerer wiegt, man muss dann so tun, als ob man das gut fände. Man lernt diese Form des Verdeckens der eigenen Gefühle, diese Disziplin schon in der Krabbelstube. Es ist dies eine Unterordnung unter die Norm, die sich verbirgt. Die fortwährende Überwindung der Diskrepanz aber ist eine fortwährende innere Leistung, zwingt eine Haltung auf, die sich aber nicht äußern darf. So werden negative Gefühle mitunter bei jedem Arbeitsgang mit erzeugt. Die geleistete Arbeit doppelt sich, es ist eine konkrete des Vollzugs und eine indirekte Arbeit an der Persona des Ichs. Diese Einschüchterung, dass man erkennt und glaubt, sicher zu wissen, dass etwas falsch läuft, man das aber nicht artikulieren darf, weil man Sanktionen fürchtet, man also wider Willen am Schlechten teilhat, das ist eine Bürde besonderer Art. Die Ordnung (Wahrheit a), die man in der Einsicht als richtige imaginiert, ist eine andere als die, die man im Vollzug erzeugt (Wahrheit b). Es wäre einfacher, würde man zwar Wahrheit b befolgen müssen, aber sagen dürfen, dass man Wahrheit a vertritt. Nur dies ist eben nicht erlaubt. Man würde es als Devianz ahnden und man würde in einen manifesten Konflikt mit der Gruppe geraten. Das ist in Institutionen der Normalfall. Das führt dazu, dass diese negativen Gefühle permanent erzeugt und abgeleitet werden.
Wer souverän damit umgeht, wird einen individuellen Ausgleich suchen, vielleicht Sport treiben. Viele werden abstumpfen. Aber gewöhnlich werden diese negativen Gefühle, sobald sich Gelegenheit dazu ergibt, in der Institution selbst an anderer Stelle zurückgespiegelt werden. Das kann auf verschiedene Weise geschehen. Eine Möglichkeit ist es, dass man denen, die einem eine besonders problematische Entscheidung wissentlich zumuteten, an anderer Stelle, womöglich verdeckt, die Kollegialität verweigert, Entscheidungen verzögert oder gar verhindert, Informationen nicht weitergibt. Insbesondere wird man diese bei Entscheidungen machen, für die man Freiheitsgrade hat, aber ebenso keine Verantwortung trägt, die aber die eigene Institution mit betreffen. So entstehen institutionelle Brüche. Die Institution handelt nur noch oberflächlich gesehen als Kollektivwesen. Die in ihr arbeitenden Menschen identifizieren sich nicht mehr mit ihr und vertrauen sich untereinander nicht, sehen diese nur als Zweckbündnis an. So groß die Institution scheinen mag, sie ist in weiten Teilen daher fragil und hat keine Legitimation mehr. Sie wird nur noch als solche getragen, weil es keine Alternative gibt bzw. sie selbst diese Alternativen bekämpft oder im Anbeginn schluckt, etwa Jungunternehmen aufkauft.
Nahezu alle Institutionen weisen daher zwei Ebenen auf. Die eine ist die öffentliche, pseudorationale Verfasstheit, die andere ist die Gefühlsebene, die sehr verdeckt ist und deren Struktur aber letztendlich ein Echo der Entscheidungsregeln der Institution ist. Was falsch lief, erzeugt systematisch negative emotionale Resonanzen bei denen, die in ihr arbeiten. Prinzipiell wäre es auch denkbar, dass eine Institution positive Resonanzen erzeugt, Identifikation und Synergien. Aber dazu müsste diese reflexiv im Hinblick auf die Gefühle werden, sie müsste ein Gespür für die in ihr Arbeitenden entwickeln und ein Sensorium jenseits des Zweckes, für den sie gegründet wurde. Auf den ersten Blick ist dies unökonomisch, da dies einen größeren Aufwand bedeuten würde für - von außen gesehen - die gleichen Leistungen.
Es hilft auch gar nicht, Regeln zu erlassen, weil diese viel zu starr sind und die negativen Gefühle mehr aus Dispositionen entstehen, aus Diskrepanzen denn aus einfachen, eindimensionalen Entscheidungen. Es sind dies Ergebnisse sozialer Resonanz innerhalb der Vorgegebenheit der institutionellen Strukturen.
Würde man aber diese Leistung erbringen, könnte man dauerhaft ein gutes Klima erzeugen, eine positive Arbeitsatmosphäre und auch die Geschicke der Institution nach außen besser abstimmen. Dann bestünde auch die Möglichkeit, dass die Institution nicht nur für die Leistung, die sie erbringt, verantwortlich ist, sondern auch für die Gefühle der Menschen innerhalb und außerhalb. Dann würde sie eben die zu Beginn beschriebenen Eingang in sie sensibler gestalten. Es bestünde so die Möglichkeit, dass Fühlen und Denken, die Entscheidung und ihre Auswirkung beim Menschen, zusammenstimmen. Es wären dann Kompromisse möglich, die Gefühlswahrheiten betreffen, also die Entscheidungen und deren emotionale Resonanz.
Schwierig ist das natürlich, je näher man in der Hierarchie nach oben kommt. Die unten Stehenden können das nicht mehr nachvollziehen, schon die Gestik und Sprechweise der oberen Funktionäre ist ihnen fremd. Und umgekehrt gelingt es den Oberen nicht mehr, die Auswirkungen ihrer Entscheidungen auf andere zu imaginieren. Jeder Manager muss so tun, als ob das konsistent sei, was er oder sie macht. Er muss also nicht nur eine Persona erzeugen, sondern ein Arsenal dieser Personae besitzen, schauspielerisch je nach Situation reagieren, um das erwartete Wunschbild aufführen zu können. Obwohl dies völlig enthoben ist, völlig entrückt.

Interessante Bücher im OA des Büchner-Verlags zum Computerspiel

Interessante Publikationen im Open Access als PDF-File:
Felix Zimmermann Virtuelle Wirklichkeiten. Atmosphärisches Vergangenheitserleben im Digitalen Spiel (2023) [Link]
Marc Bonner Offene-Welt-Strukturen. Architektur, Stadt- und Naturlandschaft im Computerspiel (2023) [Link]

2024.02.03

Zum Tod von Oskar Negt (*1.8.1934; †2.2.2024)

Gestern hörte ich Oskar Negt im Deutschlandfunk sprechen. Seine ruhige Stimme, sein milder Tonfall sind leicht zu erkennen. Das Gegenteil vom polarisierenden oder nervösen Klang, den man gewöhnlich im Radio hört. Es ging um Arbeit. Und ich dachte: Oskar Negt hat ein neues Buch geschrieben! Erst kurz später merkte ich, dass dies ein Nachruf von Jochen Stöckmann war und meine Stimmung kippte. Oskar Negt ist tot.
Seine Schriften deuten den Alltag, sei es den politischen oder den privaten, materialistisch. Damit eröffnete Negt stets Dialoge mit politischen Akteuren und forderte diese heraus. Öffentlichkeit ist ein Kernkonzept in seinem Denken. Zusammen mit Alexander Kluge schrieb er Geschichte und Eigensinn und einige weitere Klassiker zur Politik und den Medien (Öffentlichkeit und Erfahrung, Maßverhältnisse des Politischen). Als Der unterschätzte Mensch ist diese gemeinsame Philosophie in zwei Bänden im Jahr 2001 im Verlag Zweitausendeins gesammelt erschienen:
„In der Mehrzahl unserer Arbeiten, deren letzte 2001, deren erste von 1972 stammen, versuchen wir Fragen der politischen Ökonomie und der Öffentlichkeit von der subjektiven Mitgift der Menschen her zu sehen. Für diese subjektive Seite ist charakteristisch, wie sehr sie unterschätzt wird; an dieser Unterschätzung sind schon große Reiche zerbrochen.“ (Alexander Kluge und Oskar Negt: Der unterschätzte Mensch, Bd. I, Frankfurt am Main: Zweitausendeins 2001, S. 17)
Ich mag besonders sein Buch Lebendige Arbeit, enteignete Zeit, dort heißt es:
„Man kann Herrschaft geradezu so definieren, daß sie jederzeit imstande ist, die Regeln vorzugeben, nach denen die Menschen ihre Zeit aufzuteilen gezwungen sind und in welchen Räumen sie sich zu bewegen haben. Herrschaft besteht primär nicht in globalen Abhängigkeitsverhältnissen, sondern in einer Detailorganisation von Raum- und Zeitteilen, die den einzelnen Menschen in seiner Lebenswelt wie in ein Korsett einspannen. Ist er von globalen Verhältnissen abhängig, so ist das nur ein weiterer Hinweis darauf, daß ihm auch die Souveränität über den ihm überlassenen Parzellenbesitz des unmittelbaren Lebensumkreises fehlt. Herrschaftssysteme sind deshalb darum bemüht, die Eindeutigkeit der Orte und Zeiten festzulegen, die den Bewegungsspielraum des einzelnen Menschen definieren. So gibt es klar festgelegte Orte, wo und wann gearbeitet, wo Freizeit verbracht wird, wo Politik betrieben wird. Wer das miteinander vermischt, verstößt gegen die gegebene Ordnung und kann eventuell bestraft werden. Wer Politik nicht in seinem Ortsverein oder in der Wahlkabine betreibt, sondern dort, wo er wohnt, oder auf der Straße und auf Bahnhofsplätzen, kann sehr leicht in den Verdacht eines Ruhestörers kommen. Ähnliches gilt für den Betriebsfrieden. Werden diese Regeln eingehalten, besteht Übersicht und Kontrolle, werden sie in Frage gestellt, wird das immer auch als ein Angriff auf das bestehende Herrschaftssystem verstanden.“ (Aus: Oskar Negt: Lebendige Arbeit, enteignete Zeit, Frankfurt am Main: Campus 1984, S. 21.)
Nachruf von Jochen Stöckmann im Deutschlandfunk [Link]
Gespräche von Oskar Negt und Alexander Kluge auf dctp.tv [Link]
Oskar Negt spricht mit Peter Huemer zum Thema Demokratie muss gelernt werden (30. November 2010)

2024.01.28

Div.

Heute ein schweres Erdbeben, Epizentrum in der Nähe meiner Wohnung, Stärke 4.8. Gefühl, als ob eine Pranke die Wohnung wie einen Pappkarton durchschüttelt. Gestern im Infinity Books Asakusa. Großartige Live-Performances! [Link Gyuszi Suto]
(Regie: Patrick Daughters)

2024.01.27

Lesung Michael Stavarič

Die Lesung von Michael Stavarič ist online!

2024.01.22

Proteste für Demokratie

Endlich stehen die Menschen in Deutschland auf und treten für Demokratie ein!

2024.01.18

Andy Jones, great!

Neue Drone-Sounds

Shimmering Light, Mononoke-Synthesizer (für Ipad)
[mp3]
Sky, Mononoke-Synthesizer (für Ipad) und E-Gitarre
[mp3]
River, Mononoke-Synthesizer (für Ipad)
[mp3]

2024.01.15

Techno-Experiment

Korg Modwave und Roland T-8, Techno-Soundexperiment
[mp3]

2024.01.14

10.000 Kilometer

Das Musikvideo des Reisesongs 10.000 Kilometer ist online!

2024.01.11

Neue Sounds

Neue Sounds mit dem Korg Modwave MKII, unbearbeitet, Tests mit der Hold-Funktion. Gespielt wurden zwei oder drei Töne, die dann gehalten wurden und verfremdet.
[mp3]
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2024.01.10

Fließende Photos aus dem Hamarikyū-Park

Diesem Park habe ich viel zu verdanken. Ich schöpfte in den letzten Wochen viel Hoffnung aus dem glitzernden Wasser, dem Bach und den Entchen im See. Die Kieselsteine massieren den Körper beim Gehen ganz sanft. Derzeit ist dort fast niemand, obwohl man das schöne Winterwetter an diesem Ort besonders gut genießen kann.

2024.01.08

When the lights go out...

Taser-Chronik

Am 8. Juli 2020 meldet das Innenministerium NRW: „Minister Herbert Reul hat entschieden, Taser (polizeifachlich auch Distanzelektroimpulsgeräte genannt) in mehreren Polizeibehörden im Rahmen eines einjährigen Pilotversuches zu testen. ‚Wir müssen die Taser gründlich und in einem Langzeittest auf ihre Praxistauglichkeit hin prüfen. Erst danach können wir entscheiden, ob wir die Geräte flächendeckend für die NRW-Polizei einführen‘, so der Minister.“ [Link]
Tagesschau.de meldet dann am 7. Januar 2024: „In 18 von 47 Kreispolizeibehörden in NRW gibt es inzwischen Taser“. [Link]. Die Berichte von schlimmen Folgen dieser Elektropfeile reißen nicht ab. Am selben Tag heißt es wiederum auf Tagesschau.de: „Im nordrhein-westfälischen Mülheim an der Ruhr ist ein Bewohner einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber nach einem Polizeieinsatz gestorben. Die Beamten hatten zuvor einen Taser gegen den 26-Jährigen eingesetzt. Der Mann hatte bei dem Einsatz massiven Widerstand geleistet, wie die Polizei in der Nacht zum Sonntag mitteilte. [...] Als die Polizei eintraf, befand sich der Mann den Angaben zufolge in seinem Zimmer und griff die Beamten dort an. Im Verlauf des Geschehens, das sich in den Flur und Innenhof der Einrichtung verlagerte, setzten die Polizisten laut Mitteilung zweimal einen Taser gegen den Mann ein. Den Angaben zufolge sei keine Wirkung des Tasers erkennbar gewesen. Die Einsatzkräfte hätten den 26-Jährigen, der sich weiterhin stark wehrte, schließlich überwältigt und vorläufig festgenommen. Dabei wurden zwei Beamte durch Bisse und eine Beamtin durch einen Tritt gegen den Kopf verletzt, wie die Polizei weiter mitteilte. Für den Unterkunftsbewohner und die Einsatzkräfte seien mehrere Rettungswagen angefordert worden. Der Mann habe dann während seiner Behandlung im Rettungswagen das Bewusstsein verloren. Er wurde laut Polizei unter Reanimationsmaßnahmen in ein Krankenhaus gebracht, wo er starb.“ [Link]
Man fragt sich, ob der Asylbewerber die Warnungen der Polizei überhaupt verstanden hat. Vielleicht empfand er die Situation ebenso bedrohlich wie in seiner Heimat, aus der er floh? Und da hatte er vielleicht unfassbare Angst vor den martialisch mit neuesten Waffen auftretenden Beamtinnen und Beamten? Man weiß nicht, woran er starb. Eine Untersuchung ist hier enorm wichtig.

2024.01.07

Das Glück der Tugendhaftigkeit. Über den neuen Film von Wim Wenders


Im März 1949 schreibt Hermann Hesse einen Essay über das Glück
„Eines Morgens erwachte ich, ein lebhafter Knabe von vielleicht zehn Jahren, mit einem ganz ungewöhnlich holden und tiefen Gefühl von Freude und Wohlsein, das mich wie eine innere Sonne durchstrahlte [...] Es war Morgen, durchs hohe Fenster sah ich über dem langen Dachrücken des Nachbarhauses den Himmel heiter in reinem Hellblau stehen, auch er schien vol Glück, als habe er Besonderes vor und habe dazu sein hübschestes Kleid angezogen. Mehr war von meinem Bette aus von der Welt nicht zu sehen, nur eben dieser schöne Himmel und das lange Stück Dach vom Nachbarhause, aber auch dies Dach, dies langweilige und öde Dach aus dunkel rotbraunen Ziegeln schien zu lachen, es ging über seine steile schattige Schrägwand ein leises Spiel von Farben, und die einzelne bläuliche Glaspfanne zwischen den roten tönernen schien lebendig und schien freudig bemüht, etwas von diesem so leise und stetig strahlenden Frühhimmel zu spiegeln. Der Himmel, die etwas rauhe Kante des Dachrückens, das uniformierte Heer der braunen und das luftig dünne Blau des einzigen Glasziegels schienen auf eine schöne und erfreuliche Weise miteinander einverstanden, sie hatten sichtlich nichts andres im Sinn, als in dieser besonderen Morgenstunde einander anzulachen und es gut miteinander zu meinen. Himmelblau, Ziegelbraun und Glasblau hatten einen Sinn, sie gehörten zusammen, sie spielten miteinander, es war ihnen wohl, und es war gut und tat wohl, sie zu sehen, ihrem Spiel beizuwohnen, sich vom selben Morgenglanz und Wohlgefühl durchflossen zu fühlen wie sie.“ (Hermann Hesse: Glück [1949], in Ders.: Über das Glück, Frankfurt am Main 1970/2002, S. 7-23, zit. S. 19-20)
An diese Art der vom Glück illuminierten Welt knüpft Wim Wenders in seinem Film Perfect Days (2023) an. Die Geschichte des Kloputzers Hirayama wird dabei von Kōji Yakusho so unglaublich fein skizziert, dass unsere Phantasie auf Reisen geht. Was mich besonders beeindruckte an diesem Film, war die Darstellung eines tugendhaften Menschen. Hier wird keine Moral angelegt und keine Rivalität ausgetragen, sondern einfach ein Mensch gezeigt, der gut leben will, ohne anderen zu schaden, der keine großen Träume hat, sondern sein Glück im Hier und Jetzt findet. Wo abertausende Filme spannungsreich und konfliktgeladen vorführen würden, dass das nicht geht, führt der Film das Gegenteil vor - ganz sachte, sensibel, distanziert und doch intim. Er zeigt Downtown-Tōkyō auf eine Weise, die ich bislang kaum sah, weil er sich eher der Haptik und den Geräuschen der Stadt nähert als ihrem visuellen Erscheinungsbild. Natürlich ist das alles von Ozu inspiriert, aber Wenders gelingt ein eigener Stil, der die Wiederholung zum Erzählprinzip macht und Ozus Kadrierung subjektiviert. Das Hibiya-Kino Chanter war, Samstag, 15.45 Uhr, gut besetzt, etwa die Hälfte der Sitze belegt. Ein berührender Film, der auf Japanisch gezeigt wurde, klar, und ich meine das Publikum nahm ihn als japanischen Film wahr. Kann es ein größeres Kompliment an einen Regisseur geben?
[Link Perfect Days]
[Link Perfect Days. Interviews mit Wenders]

2024.01.01

Erdbeben

Vorhin spürte man ein ungewöhnlich langsames und lang andauerndes Beben in Tōkyō. Das Epizentrum lag aber an der Westküste. Man kann nur hoffen, dass der Tsunami das Kernkraftwerk Shika nicht erwischt. [Link der Japan Metereological Agency]

Ein frohes neues Jahr!

Liebe Besucherinnen und Besucher dieses Blogs,
ich wünsche Ihnen ein frohes neues Jahr! 明けましておめでとう!
Ihr
Andreas Becker

Über Körperbewegungen

Körperbewegungen haben stets zwei Seiten. Sie dienen einerseits dazu, den Willen zu entäußern. Man möchte trinken und hebt die Tasse. Das ist die praktische Funktion der Bewegung. Dazu gibt es aber eine zweite Seite, die untrennbar von der ersten ist. Es ist dies die Bewegung als Choreographie. Ob man will oder nicht, in der Bewegung moduliert sich das Temperament, die jeweilige Stimmung etc. So zeichnen sich Charaktereigenschaften im Gang ab, in der Weise der Bewegung, ob diese etwa vorsichtig oder ausholend ist. Weil die Menschen das wissen, möchten sie sich gerne als sympathisch inszenieren und bewegen sich so, dass es anderen gefällt. Sie schlüpfen so tänzerisch in die Imagination der Anderen hinein.

Der Verkehr als Wunscherfüllungsmaschine

Die Idee, das Klima zu ‚retten‘, indem man die Technik austauscht, ist naiv. Es muss stattdessen gefragt werden, warum die Menschen das Bedürfnis haben, an einen anderen Ort zu gehen. Warum halten sie es an dem Ort, an dem sie sind, nicht aus? Der Verkehr also erfüllt den Wunsch, an einem anderen Ort zu sein. Und er vergrößert die Möglichkeiten der Wünsche. Alles, was ich suche, finde ich, aber woanders. Deshalb reise ich und fahre, fliege, schwimme durch die Gegend. Hier müssten wir wieder eine Tugend der Selbstzufriedenheit entwickeln, die diese Wünsche fühlt, die ihnen aber nicht folgt. Das Klima kann nur von der Selbstgenügsamkeit ‚gerettet‘ werden. Aber diese Tendenz findet sich überall. Die Menschen möchten keine Kompromisse eingehen. Deshalb zerfallen auch die Familien. Es entstehen stattdessen Ich-Pole, die sich zuweilen in Pärchen assoziieren. Man fände heute alles am Ort, wenn die Menschen nur miteinander sprächen.

Über diese Seite

In meiner Arbeit Gefühl und Alterität unternehme ich den Versuch, in philosophischen Miniaturen alltägliche Gefühlsmomente darzustellen. Das Buchprojekt im Büchner-Verlag ist als Serie angelegt. Veröffentlicht sind bereits 1.999 Notizen. Die Miniaturen sind nicht abgeschlossen. Man soll sie diskutieren, weiterdenken, hinterfragen und ergänzen. Auf dieser Webseite veröffentliche ich einige Fragmente, die dann in den dritten Band einfließen werden. Da ich unter keinem Zeitdruck stehe, warte ich so lange, bis ich meine, der Band sei nun reif für die Publikation. Wenn Sie mir eine E-Mail schreiben möchten, erreichen Sie mich unter Andreas Becker, beckerx[at]gmx.de. Zur meiner persönlichen Homepage geht es hier https://www.zeitrafferfilm.de/.
Hier finden Sie die Seite des Büchner-Verlags. Hier finden Sie einen Überblick über alle meine Projekte im Büchner-Verlag. Die bislang entstandenen Youtube-Videos:

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