Foto Skizzen, Kommentare, Überlegungen von Andreas Becker. Über diese Seite
Zu den archivierten Beiträgen aus dem Jahr 2020 und 2021 (bis Juli 2021) und 2021-02 (ab Juli 2021) Zu der Song-Seite

2022.09.28

Echosound


Echosound Klangexperiment, einspuriger und ungekürzter Mitschnitt einer Klangprobe, Zoom G1XFour Multi-Effects Processor, Einstellungen:
1. PDL Vibe: Speed 25, Depth 68, Mode Chors, Vol 80
2. Tape Echo: Time 900, F.B. 63, Mix 56, Tail Off
3. MS 1959: Bass 50, MID 70, Treble 60, PRSNC 40, Input1 60, Input2 Off, Vol 80
4. Room: PreD 72, Decay 19, Mix 60, Tail On
5. HD Hall: PreD 143, Decay 90, Mix 62, Tail Off

2022.09.20

Dokumentation der Lesung von Gefühl und Alterität II [Link] in Marburg, in der Buchhandlung Jakobi

Hier meine Kommentare und die Diskussion der Lesung vom 10. September 2022. Vielen Dank an Frau Jakobi und das Team des Büchner-Verlags!
Alle Zitate aus: Andreas Becker (2022): Gefühl und Alterität II, Marburg: Büchner.

1222
Formen von Verschmutzung: Abgase, Strahlung (Radioaktive, Röntgen, Licht), Lärm, Gestank, Werbung (Gedankenverschmutzung).

1408
Das ›Bauchgefühl‹ gibt Hinweise.


1700
Die selbsterfüllende Prophezeiung (self-fulfilling prophecy), ein Weg, 186 bei dem der Korridor von Möglichkeiten bereits durch das eigene Verhalten und die Einstellung vorgezeichnet wird. Der Soziologe Robert K. Merton hat den Begriff geprägt und beschreibt dies wie folgt: »The self-fulfilling prophecy is, in the beginning, a false definition of the situation evoking a new behavior which makes the originally false conception come true. The specious validity of the self-fulfilling prophecy perpetuates a reign of error. For the prophet will cite the actual course of events as proof that he was right from the very beginning. (Yet we know that Millingville’s bank was solvent, that it would have survived for many years had not the misleading rumor created the very conditions of its own fulfillment.) Such are the perversities of social logic.«


1348
Heute ist das Aufmerksamkeitsregime mit seinen Ansprüchen, ständig präsent zu sein, so universal, dass es notwendig erscheint, Zuckerspeisen, koffeinhaltige Getränke usf. zu sich zu nehmen. Man befürch- tet, dem sonst nicht gerecht werden zu können. Und schon Kinder, die noch sehr wach sind, verführt man zu süßen Speisen.


1537
Das Vertrauen, dass Mensch und Kosmos eins sind, wird einem von Geburt an gründlich ausgetrieben.


1848
Die Voraussetzungen der Medien, sie sind oft pränarrativ. Monitore ziehen Aufmerksamkeit auf sich.

Siehe dazu auch Wolfgang Köhler und Hans Wallach: Figural After-Effects (1944), Proceedings of the American Philosophical Society Vol. 88, No. 4 (Oct. 18, 1944), pp. 269-357 [Link]

1785
Ein Erlebnis im Seminar in Japan. Weil die meisten Studierenden den individualistischen Unterricht, dass man sich melde, wenn man persönlich etwas wisse, nicht kennen, geschah es, dass die Studierenden meine Fragen nach der Konjugation von bestimmten Verben im Chor beantworteten. So ging es auch: Alle Verben wurden konjugiert, niemand meldete sich, alle sprachen gleichzeitig die Antwort. Meine Erklärung vorher, sie sollten und könnten sich doch melden, wurde dadurch nichtig.


1789
Semantische Spielräume und Macht. A sagt, man könne doch ein Fest gemeinsam organisieren. Dann sagt B zu, schließlich hängt alle Arbeit an B. A kann sich ›herausreden‹, er habe doch alles anders gemeint. Die Spielräume der Sprache werden oft so ausgelegt. Nor- malerweise hat man immer den Anderen im Sinn – und fragt sich, wie dieser es finden möge. Aber manchmal soll es schnell gehen, man will etwas unbedingt, dann genügt eine zögernde Zustimmung, und A ›interpretiert‹ diese als Einwilligung zum Ganzen, wie er es meint. Eine Revision ist kaum möglich. A wird sich immer im Recht fühlen, darf seine Methode des Überziehens der Semantik wie einen Kredit gar nicht zugeben.


1582
Die Choreographie beim Bezahlen in Japan. Erst die Warenübergabe an die Kassiererin. Dann legt der Kunde das Geld, meistens den Schein, auf ein kleines Schälchen mit Gumminoppen, gibt es niemals direkt in die Hand der Verkäuferin. Schließlich erhält der Kunde das Wechselgeld, aber so, als ob man ihn trösten wolle, direkt in die Hand. Die Kassiererin berührt dabei deren sensible Innenfläche ganz leicht, und hält die andere Hand schützend, ebenso oft mit einer hauchsanften Berührung, unter die Hand des Kunden. Erhält man Scheine zurück, werden diese dem Wert nach geordnet und aufgefächert präsentiert, damit man augenscheinlich sieht, welchen Wert man noch zurück erhält. Oft wird man dabei, was sonst nie der Fall ist, direkt angeblickt. Dann erfolgt die Übergabe der Ware an den Kunden. Leicht festlich, lächelnd hält das Gegenüber das schön verpackte Stück mit ausgestreckten Armen so lange, bis man es entgegennimmt, wartend in der Luft. Noch bis zum Verlassen des Geschäfts wird man mit den Augen begleitet. Die Transaktion endet nicht. Man möchte wiederkommen.

Patient Deutschland

Wie bei jeder Krankheit. Der Patient braucht Ruhe. Musik mag helfen, eine gute Atmosphäre. Es wird schon gehen.

2022.08.31

Der Balkon. Das Tor zum Kosmos

Ich bin ein leidenschaftlicher Balkonsitzer. Diese architektonische Idee, ein zweites Außen der Wohnung zu bauen, finde ich großartig. Man ist im Inneren und hält Tuchfühlung mit dem Außen, dem Kosmos. Die Wolken fliehen vorbei, der Himmel dunkelt, Sterne funkeln, Flugzeuge und Satelliten ziehen ihre Bahn. Überhaupt könnte man die Wohnungen auf Balkone verlagern. Im Sommer Pritschen bauen, auf denen man schläft, terrassenähnliche Räume, vor Regen geschützt, Gewitterbeobachtungsstationen.

Individualismus ist nichts Positives

Westliche Menschen sind oftmals stolz auf ihren Individualismus. Sie betrachten diesen als eine Stärke, selbst urteilen zu können, sich nach Belieben Freiheit zu nehmen, unabhängig zu sein, zu streiten, expressiv zu sein etc. Und dies sind auch über die Jahrhunderte entstandene Tugenden geworden, kulturelle Gewebe des Fühlens und Denkens. Aber im Kern ist der Individualismus nichts Positives. Er entsteht als Reaktion auf Verluste, auf Alleinsein, als Rückzug von Konflikten. Man bemerkt es daran, dass Individualisten gerne die Behütetheit Anderer suchen, die Vorurteilsfreiheit, die Naivität des Vertrauens.

2022.08.30

Zärtlichkeit

Worin besteht der Unterschied zwischen einer Berührung und einer zärtlichen Berührung? Ist es ein bestimmtes motorisches Muster? Oder eine Übereinstimmung? Oder kommt etwas Geistiges hinzu?

Die neuen Innenstädte

Die europäischen Innenstädte werden zunehmend von Autos befreit. In Frankfurt am Main werden Fahrradstraßen ausgewiesen, wo vorher Autos fuhren. Hautpstraßen werden zu Fußgängerzonen. Aber was macht man mit dem gewonnenen Platz? Man geht phantasielos damit um. Es entstehen eine Menge Cafés. Die Menschen, die es sich leisten können, genießen den Luxus. Der Wohnraum an solchen Straßen wird attraktiver und lukrativer. Ungewollte Gentrifizierung setzt ein. Besser wäre es, man würde einen kollektiv verwalteten Raum schaffen. Selbstverwaltete Proberäume, Theater ohne Programm, Bühnen für jeden, Speakers Corner, mietbare Küchen und Veranstaltungsräume zu einem symbolischen Preis, Proberäume, Mini-Kinos, Programmier- und Gamerstuben, Musik- und Filmproduktionsstudios und Schneideräume in Werkstattgröße, Reparaturläden, Mode- und Designstuben, Ateliers, wo sich jedermann und jederfrau ausstellen kann, Kreativräume mit Personal, das den Menschen wieder instand setzt, sich auszudrücken, Meditationsorte, Gärten überall, Lesestuben, Begegnungsorte...

2022.08.18

甘噛みハムハム - neues Spielzeug aus Japan


Gerade sah ich im Spielzeugladen auf der Ginza dieses neue Spielzeug von Yukai Engineering für Erwachsene [Link]. Amagamihamham (im Original: Amagamihamuhamu, zärtliches Zubeißen). Es ist ein Stoffhund, der den Finger lutscht. Ich glaube, dass diese Art von Spielzeug eine große Zukunft hat. Mehrfach habe ich auch solche Roboter-Haustiere in Kaufhäusern gesehen. Sie sind jetzt noch in der Prototyp-Phase. Aber die Bedürfnisse der Menschen werden durch solchen reflektierten Roboter-Fetischismus immer passgenauer umgrenzt.

2022.08.17

Gefühl und Alterität II erscheint bald!

Bild
Gefühl und Alterität II besteht aus hunderten nummerierten Anekdoten, Beobachtungen und Notizen zum Thema Gefühle. Man kann es, wie jedes Buch, alleine lesen. Interessanter ist es aber, zufällig eine Nummer auszuwählen und über diese gemeinsam mit Freunden zu sprechen. Die Anekdoten möchten inspirieren. Sie sind daher nicht abgeschlossen und bedürfen einer diskursiven und imaginativen Ergänzung. Dieser Band ist in Japan entstanden. Viele Beobachtungen thematisieren den Alltag in Tōkyō und Umgebung, die japanische Kultur und deren Weise, achtsam mit Gefühlen umzugehen.

Japanisches Lied für Kinder über einen Obstsalat

2022.08.17

Demon Slayer, One Piece, Krähen in Odawara

Die Demon-Slayer-Welle ebbt in Japan gerade ab. Die Figürchen sind jetzt überall. One Piece läuft in den großen Kinos. Gestern Krähenschwarm in Odawara gefilmt.

2022.08.16

Der Strand von Atami im Zeitraffer

Jetzt weiß ich, warum Frau Tomi Hirayama (Chieko Higashiyama) in Ozus Tōkyō monogatari auf einem Steg in Atami eine Herzschwäche erlitt.

2022.08.09

Zeitraffer am Meiji-Schrein

2022.08.08

Lesung Gefühl und Alterität II


Am Samstag, d. 10. September 2022 präsentiere ich meine neue Veröffentlichung »Gefühl und Alterität II« in der Marburger Buchhandlung Jakobi (Steinweg). Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr. Der Eintritt ist frei. Um Voranmeldung unter BENEKE@BUECHNER-VERLAG.DE wird gebeten. [Link]

Handwerk beruhigt


Handwerk beruhigt. Das Töpfern entrückt die Zärtlichkeit auf das Objekt hin. Die drehende Tonerde will mit Achtsamkeit und Ruhe, Gleichmaß behandelt werden, sonst verformt sie sich, bricht aus, bildet Schleifen. Die Aufmerksamkeit ruht auf den Gegenstand hin, der sich erst bildet. Er wächst aus der Drehung heraus, blüht in Erde.

Über Weltkriege

Wann sprach man vom »Ersten« und wann vom »Zweiten Weltkrieg«? Der Zweite Weltkrieg war in der Sprache der Nazis zunächst der »Polenfeldzug«. Historiker kamen dann zu dem Schluss, dass es ein globaler, ein Welt-Krieg war. In Japan spricht man in der Regel vom »Pazifikkrieg« (太平洋戦争, Taiheiyōsensō). Man hat also diese Epochenbegriffe irgendwann geschaffen und ordnet nun alles diesem Muster ein, so als gäbe es von Beginn an diesen »Gegenstand« Zweiter Weltkrieg. Aber bis zu einem gewissen Punkt waren das regionale und bestimmte Länder betreffende Konfliktherde, die sich aber nach einem (aus später Perspektive klar erkennbarem) Muster immer weiter ausbreiteten. Auffällig war, dass keiner es vermochte, diese einzudämmen, selbst sehr reflektierte »Appeasement«-Strategien versagten. Vielleicht werden in zehn oder zwanzig Jahren die Historiker auch zu dem Schluss kommen, dass der Dritte Weltkrieg am 24. Februar 2022 mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine begann, oder vielleicht schon am 11. September 2001?

2022.08.02

いつでも夢を - immer wieder ein Traum

2022.07.23

Wie lässt sich unsere Zeit beschreiben? Begriffssuche

Die Atmosphäre der heutigen Zeit lässt sich schwerlich fassen. Ich erlebte die 1970er Jahre als eine Zeit des Aufbruchs. Die 1980er Jahre als eine Zeit des Wohlfahrtsstaates und des Wohlstands, die 1990er als eine Zeit, in der die Ost-West-Konfrontation verschwunden schien. Aber dann kam 9/11 und dann Corona und der Ukraine-Krieg. Seit etwa zwei Jahren kippte alles ins Negative. Es gibt nur wenige Menschen, die dem entrinnen können, auch sie mit stimmungsmäßigen Blessuren. So suche ich nach Oberbegriffen, von denen aus eine Deskription dessen, was ist, ansetzen könnte. Es sollten keine einfachen Nomen sein, sondern Adjektiv-Nomen-Konstellationen, dazu mit einer Gebrochenheit und einem Hang, den Sinn zu chiffrieren. Hier meine Liste:

- depressiver Nihilismus
- radikale Konformität
- selbstbewusster Konformismus
- fatalistische Ignoranz
- existenzieller Opportunismus
- kosmischer Defätismus
- desillusionierte Indifferenz
- barbarische Kompromisshaftigkeit
- resignative Souveränität
- reservierte Apathie
- ambivalente Apathie
- entschiedene Ambivalenz
- phlegmatische Lethargie
- teilnahmslose Passivität
- erbitterte Belanglosigkeit
- ambivalente Gram
- superiore Indolenz
- rigoroser Pessimismus
- Offensiver Isolationismus
- depressive Selbstverleugnung
- selbstbewusste Indifferenz
- ekpathische Dekadenz
- ekpathischer Hedonismus
- Enthusiastische Antipathie
- Euphorische Aversion
- universeller Skeptizismus
- obsessive Toleranz
- latenter Provinzialismus
- lakonische Severität
- theatrale Rigorosität
- universelle Distanz
- kultiviertes Ressentiment
- existenzielle Hypertoleranz
- kollektive Zerrissenheit
- versteckte Desillusioniertheit
- entschiedene Verbitterung
- kriegsbedingte Humorlosigkeit
- apokalyptischer Gleichmut
- vorausschauendes Unbehagen
- trügerische Harmonie
- universelle Besonnenheit
- gewaltbereite Selbstbeherrschung
- reflektierter Pessimismus
- diskursive Zensur
- pedantische Kontrollsucht
- reaktionärer Aktivismus
- Desinteresse am Leben
- affirmative Verbotskultur
- universeller Gleichmut
- destruktive Synergie
- wertefreie Moral
- freie Werte
- fordernder Staat
- hyperliberale Tugenden
- angepasste Moral
- voraussetzungslose Animosität
- kollektiver Individualismus
- technokratische Kreativität
- Zwang zur Neutralität

2022.07.22

Persönliche Erinnerungen an Hans-Thies Lehmann

Kürzlich las ich einen schönen Text von Hans-Thies Lehmann aus dem Jahr 1991 für mein neues Buch über Scham und Schuld. Dieser heißt Das Welttheater der Scham [Link]. Und da dachte ich: Wie interessant, dass ich immer wieder, wenn ich hier in Japan neue Projekte entwickle, Seminare vorbereite und Bücher schreibe, über das Internet zu meinen Lehrern komme. Und ich dachte mir auch, dass ich Hans-Thies Lehmann lange nicht gesehen habe. Er wollte eigentlich vor ein paar Jahren Japan wieder besuchen, ein Land, dessen Kultur er sehr mochte, aber daraus wurde wegen Corona nichts.
Sein wissenschaftliches Leben lässt sich vielleicht in seiner Spannweite gut ermessen, wenn man es von der griechischen Tragödie hin zum Noh- und Butoh-Theater fasst. Die Tragödie in der Schuldkultur Europas und das Ausbleiben eines Konflikts in der Schamkultur Japans: »In der Schamkultur befindet das Subjekt sich in einem nie endenden Theaterspiel, in einer Szene von Projektion, Spiegelung und Rückspiegelung, das sich grundlegend vom Theater als Tribunal in der Schuldkultur unterscheidet«, schreibt Lehmann in dem genannten Text (S. 827).
Ich lernte Hans-Thies Lehmann 1999 kennen. Ich hatte den Plan, über die Zeitraffung und Zeitdehnung im Film bei Burkhardt Lindner in Frankfurt am Main zu arbeiten, Lehmann wurde mein Zweitbetreuer. Lehmann und Lindner hatten das Graduiertenkolleg Zeiterfahrung und ästhetische Wahrnehmung initiiert, in dem ich schließlich promovierte und Postdoktorand wurde. Das Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft war damals in der Dantestraße, in einer Bockenheimer Villa aus der Jahrhundertwende untergebracht. Das war räumlich viel zu klein, führte aber dazu, dass permanent Partystimmung herrschte und jede(r) jede(n) kannte.
Lindner und Lehmann gaben damals gemeinsam ein Seminar zu Martin Heideggers Sein und Zeit, das mir mit dessen Antigone-Seminar und den vielen Diskussionen im Kolleg in besonderer Erinnerung blieb. Lehmann war, natürlich an Derrida geschult, oft an den Bruchlinien interessiert, ohne aber das Projekt Heideggers in seiner Architektur aus dem Blick zu nehmen. Das war überhaupt sein Vorgehen, er sah Konflikte voraus und ergriff Möglichkeiten des Kompromisses. Darin lag auch sein Interesse an Japan, dieses Nicht-Stattfinden der Tragödie durch eine bestimmte Haltung, so wie sie sich im japanischen Theater bzw. in der Theatralität der japanischen Kultur zeigt. Das faszinierte ihn. Er durchdachte die labyrinthischen Möglichkeiten und suchte nach Schnittmengen. Lehmann erforschte die Bedingungen des Theaters, Marxens Gespenster, Bertolt Brecht und Heiner Müller und förderte so viele, Theorie und Praxis in ihrer Synergie. Seine Bücher, natürlich das Postdramatische Theater, wurden in viele Sprachen übersetzt.
Als ich mich nach der Promotion neu orientierte und Japan entdeckte, also alles hinter mir ließ, was ich vordem machte, war Hans-Thies Lehmann einer der wenigen, der unmittelbar Verständnis dafür hatte und das interessant fand. Ich ging fröhlich durch Frankfurt, als ich die Nachricht erhielt, für mein Forschungsprojekt nach Japan reisen zu dürfen. Als Erster begegnete mir Hans-Thies Lehmann im Auto sitzend an der roten Ampel und gratulierte mir vom Fahrersitz aus.
Danach sah ich ihn nochmal bei seiner Abschiedsfeier vom Institut. Ein großes Fest am Campus Westend im Sommer. Danach im Mousonturm: Hans-Thies Lehmann hielt eine Rede zur Einführung in ein experimentelles Theaterprojekt. Im Gespräch merkte ich ihm die Krankheit an. Als er dann sprach, am Pult stehend, war seine Stimme angenehm und ruhig, er wirkte jugendlich. Hans-Thies Lehmann ist am 16. Juli 2022 im Alter von 77 Jahren in Athen gestorben.

Nachruf von Hubert Spiegel in der FAZ [Link]
Nachruf von Alex Karschnia [Link]
Alex Karschnia im DLF über Hans-Thies Lehmann [Link]
Eiichiro Hirata über Hans-Thies Lehmann [Link]

2022.07.18

Die Gaskrise und ihre Begründung

Derzeit argumentieren Kanzler Olaf Scholz und Wirtschafts- und Energieminister Robert Habeck, die zu erwartende Gaskrise sei dem Krieg in der Ukraine geschuldet. Scholz etwa schreibt in der FAZ: »Nach der Zeitenwende, die Putins Angriff bedeutet, ist nichts mehr so, wie es war. Und deshalb können die Dinge nicht so bleiben, wie sie sind! [...] Und schließlich beenden wir unsere energiepolitische Abhängigkeit von Russland. Bei der Kohle haben wir das schon erreicht. Russische Ölimporte wollen wir bis Jahresende stoppen. Beim Gas ist der Anteil der Einfuhren aus Russland bereits von 55 auf 30 Prozent gesunken. Dieser Weg ist nicht leicht, auch nicht für ein so starkes, wohlhabendes Land wie unseres. Wir werden einen langen Atem brauchen. Schon jetzt leiden viele Bürgerinnen und Bürger unter den Auswirkungen des Krieges, vor allem unter den hohen Preisen für Benzin und Lebensmittel. Mit Sorge blicken viele auf ihre nächsten Rechnungen für Strom, Öl oder Gas. Finanzielle Hilfen von weit mehr als 30 Milliarden Euro hat die Bundesregierung daher zur Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger auf den Weg gebracht. Die unterschiedlichen Maßnahmen beginnen nun zu wirken.« (Olaf Scholz: Nach der Zeitenwende, FAZ, 18.7.2022, S.6) Man stimmt die Menschen darauf ein, im Winter temporär kein warmes Wasser zu haben, die Wohnungen nur bedingt heizen zu können und richtet bereits Wärmeräume ein, wie für Obdachlose, denkt darüber nach, ob die Industrie vielleicht in Teilen pausieren könne.
Ein Blick in die Geschichte der Gasversorgung der Bundesrepublik Deutschland zeigt, dass der Ukraine-Krieg nur eine Seite ist. Eine Statistik des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle weist aus, dass Deutschland bis 1972 kein Erdgas aus Russland bezog. [Link zur xlsm-Tabelle]
Was danach geschah, darüber gibt eine Seite des mdr Auskunft. [Link] Die Politik sollte ehrlich sein und ihre Fehler eingestehen. Sie liegen darin, dass man billiges Gas haben wollte, alles andere blieb unwichtig. Eine Risikoeinschätzung wurde nicht vorgenommen, die Idee einer robusten Wirtschaft offenbar vollkommen ignoriert im Hinblick auf deren Wachstumsdynamik. Dieser historische Fehler rächt sich nun.

Windrad-Karte Hessens

Die FAZ hat eine interaktive Windrad-Karte Hessens veröffentlicht [Link]. Die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiten sich. Man wird das Land nach dieser Regierung nicht mehr wiedererkennen. Überall wird man drehende Turbinen sehen und vor allem ein dumpfes Infraschallbrummen hören. Die Menschen werden sich fragen, warum sie nicht mehr schlafen können. Die Idee, klimaneutrale Energie durch die Kolosse zu erzeugen, ist absurd. »Eine Windkraftanlage im Meer wiegt 300 Tonnen; etwa 260 Tonnen davon sind Stahl – insgesamt also bestehen 87 Prozent einer Windkraftanlage mit Kabeln und Fundament aus Stahl.« [Link] Wie viel Kohlendioxid wird da in die Atmosphäre gepustet, um den Stahl zu erzeugen, die Kolosse aufzustellen und zu warten? Dann erntet man erst die ›grüne Energie‹, die aber zuvor Kohlendioxid in größtem Umfang freisetzte, durch deren Produktion! Nur eine Tugendänderung kann hier helfen, weniger verbrauchen, sparsamer sein.

2022.07.11

Vortrag zum Stipendium auf Lebenszeit online!

Womit begann der wirtschaftliche Niedergang?

Fragt man sich, womit der wirtschaftliche Niedergang Deutschlands begann, so würde ich die kleinliche Abrechnungsweise nennen, also die wirtschaftliche Grundhaltung, die alle Transaktion vom Individuum (bzw. dem einzelnen Unternehmen) her sich erschließt und Gewinn und Verlust nur von diesem Mikroelement aus errechnet. Es fängt schon in der Kneipe an, wenn jeder sein eigenes Bier bezahlen will und man unglaublich lange rechnet und erinnert, was man selbst denn konsumiert habe. Wendet man diese Betrachtungsweise auf die Volkswirtschaft an, so wird deutlich, wie schnell alles blockiert wird, weil der Einzelne seinen Gewinn in Gefahr sieht und dem Anderen nicht mehr vertraut. Weil Missgunst und Neid stets mitlaufen, wurde die Kostenrechnung immer kleinteiliger. Das Rechtssystem wie die Bürokratie tun ihr Übriges, um alles zu verkomplizieren. Wenn die Wirtschaftlichkeit der Bahn sich etwa nach Fahrgastzahlen bemisst und nicht mehr danach gefragt wird, wie pünktlich das Ganze war, wie zufrieden die Menschen sind, wie die räumliche Abdeckung ist, dann stimmt etwas Grundlegendes nicht mehr [Link Bahn]. Auch die Tatsache, dass man mit der Bahn ein Symbol schafft, ein Symbol dafür, dass die Tugend der Pünktlichkeit zählt, scheint angesichts dieser kleinteiligen Rechnungen sekundär. Und so wollte jeder Einzelne (und jedes einzelne Unternehmen) kurzfristigen Gewinn einfahren, ohne auf das Gemeinwohl und die Zukunft zu achten. Heraus kommt dann eine marode Infrastruktur. Ähnlich in der Wissenschaft. Anstatt Menschen, die etwas leisten, Vertrauen zu geben in die zukünftige Förderung, Planungssicherheit eben und Verständnis, unbürokratische Unterstützung, lässt man die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Anträgen einander konkurrieren. Werden diese abgelehnt, ist das Geleistete pfutsch. Solche Brüche gab es früher nicht, weil man sich vertraute und maßvoll Wissenschaft machte. Es ging nicht um Millionen von Fördergeldern, um teure Infrastruktur, sondern zunächst um Menschen, die dachten. Aus diesem Einfachen heraus realisierten dann Menschen unglaubliche Ideen. Ähnlich mit Nordstream 1 und 2. Auch hier: Die Gier am Anfang, günstiges Gas zu bekommen, ohne Rücksicht, woher, das Szenario politischer Krisen vollkommen ausblendend. Das rächt sich nun. Die Gewinnmarge war hoch, aber der Preis war der Verlust von Robustheit, ein Maximum an Abhängigkeit von Diktatoren. Einfachste Momente, schlichte Überlegungen hätten genügt, um das alles zu verhindern. Auch Sparsamkeit von Beginn an wäre gut gewesen. Aber nichts dergleichen.

Hier geht es zu den älteren Beiträgen 2022 (bis 10. Juli 2022)

Über diese Seite

In meiner Arbeit Gefühl und Alterität unternehme ich den Versuch, in philosophischen Miniaturen alltägliche Gefühlsmomente darzustellen. Das Buchprojekt im Büchner-Verlag ist als Serie angelegt. Veröffentlicht sind bereits 999 Notizen. Am zweiten Band arbeite ich seit 2016, dieser erscheint 2022. Ein thematischer Schwerpunkt wird auf der japanischen Kultur liegen, da ich seit dieser Zeit in Japan lebe. Die Miniaturen sind nicht abgeschlossen. Man soll sie diskutieren, weiterdenken, hinterfragen und ergänzen. Auf dieser Webseite veröffentliche ich einige Fragmente, die dann in den dritten Band einfließen werden. Da ich unter keinem Zeitdruck stehe, warte ich so lange, bis ich das Gefühl habe, der Band sei nun reif für die Publikation. Wenn Sie mir eine E-Mail schreiben möchten, erreichen Sie mich unter Andreas Becker, beckerx[at]gmx.de. Zur Homepage geht es hier https://gua.zeitrafferfilm.de/.
Hier finden Sie die Seite des Büchner-Verlags. Hier finden Sie einen Überblick über alle meine Projekte im Büchner-Verlag. Die bislang entstandenen Youtube-Videos:

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